Die Schirmherrin von Trier

Als ich an einem Sonntagnachmittag zufällig am Laden der Schirmherrin von Trier vorbeilaufe, beschließe ich, dieses ungewöhnliche Geschäft am nächsten Tag zu besuchen. Die Sonne scheint, und ich betrete zum ersten Mal im Leben einen Schirmladen.

Ich mit der Schirmherrin von Trier

Das ist Gisela Hochzeit, Spitzname Gisa, ich taufe sie „Die Schirmherrin von Trier“. Obwohl ihr Nachname besser zu einem Laden für Brautmode passen würde („Hochzeit’s Kleider“, „Alles von und für die Hochzeit“), betreibt sie ein Schirmgeschäft in Trier. „In meiner Heimat Polen hatten wir auch schon einen Schirmladen“, verrät Gisa, „aber in Trier hieß es ständig: Wer braucht denn sowas? Das wird niemals funktionieren.“ Seit 1961 wacht die Schirmherrin von Trier darüber, dass ihre Trierer trocken bleiben.

Sieht schon kurios aus, so ein Schirmregal.

„Früher hat man über Trier gesagt: Entweder es regnet hier oder es läuten die Glocken“, erläutert Gisa ihre Entscheidung, einen Schirmshop in Trier und nicht im statistisch verregneteren Norddeutschland zu eröffnen. „Ich habe keine Rente, ich muss arbeiten“, deshalb wird sie den Laden so lange wie möglich am Leben halten. Nachwuchsprobleme teilt Gisa mit vielen anderen Geschäftsinhabern: „Meine Tochter hat kein Interesse an dem Geschäft. Sie hat ja schließlich studiert.“

Gisa ist Fachfrau für Regenschirme aller Art.

Der klassische Schirm besteht übrigens aus 8 Schienen, falls Du beim nächsten Schirmsymposim einen auf Schirmkenner machen willst. Sehr gut ist ein Schirm mit 10 Schienen, früher hatten Schirme sogar 16 Schienen. Ein Original-Knirps hat in der Regel 10 Schienen. „Der hat aber auch ein anderes System“, sagt Gisa. Das mit dem berühmten, roten Punkt.

Dieser Schirm ist zur Reparatur da und stammt aus den 60er-Jahren.

Gisa verkauft nicht nur Schirme, sondern repariert sie auch. Dieser hier wird gar nicht mehr hergestellt. Er stammt aus den 50ern. Eine ältere Dame hat ihn mit Erföffnung des Ladens, also Anfang der 60er-Jahre, bei Gisa gekauft. „Da war der Griff kaputt.“ 10 Euro wird die Reparatur später kosten.

Ersatzteile unter anderem für den original Knirps Schirm.

Dass sich das Schirmgeschäft so lange hält, liegt möglicherweise auch an den niederländischen Nachbarn: „Die Holländer sind sehr geizig, die kaufen nur den Original-Knirps. Der ist zwar teurer in der Anschaffung, hält aber im Grunde viel länger.“ Geiz zahlt sich in diesem Fall sogar aus, denn für den Knirps bekommt Gisa selbst für alte Modelle heute noch die passenden Ersatzteile.

Gisa verkauft nicht nur Schirme, sie repariert sie auch.

„Ich sehe auf den ersten Blick, ob sich eine Reparatur lohnt: Wenn der Stoff gerissen ist oder die Schienen komplett hinüber sind, dann kann auch ich nicht mehr viel tun.“ Gisa plädiert während unseres Gesprächs ständig dafür, mehr auf gute Qualität zu achten und dafür lieber ein paar Euro mehr zu investieren. Zu billigen Regenschirmen aus Fernost hat sie eine klare Meinung: „Die sind ganz einfach Mist!“

Die Schirmherrin von Trier hat alles im Griff.

Trotz aller Wegwerfmentalität erkennt Gisa einen Trend: „Es gibt mittlerweile viele junge Leute, die in meinen Laden kommen und sagen, dass sie keine Lust mehr auf diesen Billigkram haben. Die wollen immer öfter einen Schirm, der was aushält.“

Warum sind Regenschirme häufig kariert?

Warum sind Regenschirme, vor allem die von älteren Leuten, häufig kariert? Eine Frage, die Gisa – wie aus der Hüfte geschossen – innerhalb von Sekunden beantwortet: „Einfarbig ist zwar ganz schön, aber sehr empfindlich. Da sieht man jeden Fleck. Bei hellen Schirmen sieht man schnell die Falten bzw. Streifen von den Schienen. Kariertes Muster hingegen passt zu allem und sieht immer flott aus.“

Stockschirme laufen bei der Schirmherrin von Trier immer gut.

Stockschirme gehen immer. Noch beliebter, vor allem bei älteren Damen, ist der sogenannte Stützschirm, eine Kombination aus Stockschirm und Gehstock. „Mit einem richtigen Stock sieht man gleich alt und gebrechlich aus“, sagt Gisa offen und ehrlich, „aber das ist ok. Ich sage immer: Solange man eitel ist, ist das Leben noch lebenswert.“ Gilt übrigens auch für Männer 🙂

Taschenschirme sind der ewige Klassiker.

Taschenschirme sind der Klassiker schlechthin: „Für die Damen soll ein Schirm leicht sein, in die Handtasche passen und ewig halten.“ Bereits für 40 Euro gibt es bei der Schirmherrin von Trier einen original Knirps-Taschenschirm, Stockschirme sind ab 60 Euro erhältlich. Sie hat auch billige Schirme ab 20 Euro im Angebot, aber wie Du inzwischen gelernt haben solltest, sind die bei diesem Preis lange nicht so stabil 🙂

Der nicht ganz so kleine Lord, Gisas Hund, wacht über den Laden.

Der Lord, Gisas Hund und der vierte seiner Art, mag weder Kunden noch Kinder. Falls Du also Angst vor Hunden hast, solltest Du das der Schirmherrin von Trier irgendwie signalisieren. Sonst nutzt der nicht ganz so kleine Lord das aus 🙂 „Bei starkem Wind habe ich beim Gassi gehen auch Probleme, meinen Schirm festzuhalten. Da fallen mir manchmal sogar die Klämmerchen aus den Haaren, weil es so zieht“, sagt Gisa zu ihrem doch ziemlich wetterabhängigen Saisongeschäft.

Der Schirmladen liegt in der Neustraße in Trier.

Die Lage von Gisas Schirmgeschäft ist leider nicht zentral genug, um (touristische) Laufkundschaft anzulocken, aber auch nicht weg vom Schuss. Die Trierer Neustraße wird übrigens als „Frauenmeile“ bezeichnet, weil hier fast nur weibliche Ladenbesitzer anzutreffen sind. So wie Gisela Hochzeit.

Fazit Schirmherrin von Trier

Gisa, meine persönliche Schirmherrin von Trier, ist eine faszinierende Person mit einem faszinierenden Laden. Regenschirme, Stockschirme, Taschenschirme, Glockenschirme, Stützschirme, bloß keine Bildschirme 🙂 Ich bin inspiriert und nehme die Idee mit, einen richtig guten, teuren Schirm als Geschenk zu kaufen: Kauft man sich in der Regel nicht selbst, ist praktisch, ein schönes Accessoire und allemal die besser Variante als der nächste, langweilige Douglas-/Ikea-/dm-/Klamotten-Gutschein. Mein Lieblingszitat von Gisa bringt es auf den Punkt: „Alle sagen immer: ein Schirm ist ein Schirm, aber das ist eben nicht so.“

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